Unsere Geschichte


Für Joel

Wir freuten uns riesig auf dich, außer Übelkeit hatte ich anfangs keine Beschwerden. Doch in der 7. SSW war der Antikörperbefund positiv, auf Anti-Kell. Plötzlich hieß es Risikoschwangerschaft. Meine Frauenärztin konnte uns keine Informationen dazugeben. So habe ich uns die Informationen beim Blutspendedienst des DRK geholt. Der Arzt hatte viel Zeit, mir am Telefon zu erklären wie es zu den Antikörpern gekommen ist, ließ aber auch wenig Hoffnung auf dein Überleben. Also rief ich wieder bei meiner Frauenärztin an. Sie sagte, wir sollen zur speziellen Schwangerschaftssprechstunde an die Uni Münster (Ms). Dort wurde uns dann noch einmal erklärt, wie es zu diesen Anti-Kell-Antikörpern kommt und was uns erwarten könnte,z.B.:

1. Fehlgeburt
2. Bluttransfusion im Mutterleib
3. Frühgeburt (beim Blutgruppensystem Kell)

Anschließend hatten wir einen Termin in der Pränataldiagnostik zum Ultraschall, wo du untersucht und vermessen wurdest, wir schlossen auch das Down-Syndrom zu 80% aus. Andere Untersuchungen zum Ausschluß einer körperlich/geistigen Behinderung lehnten wir ab. Wir hatten schon genug seelische Belastung, da wir nicht wußten, ob diese Schwangerschaft bis zur 40. SSW ausgetragen werden würde. Die Ultraschalluntersuchungen wurden erst im Abstand von 14 Tagen gemacht, später wurden die Abstände kürzer. Bei der zweiten Untersuchung in Ms ist eine grenzwertige Fließgeschwindigkeit der Kopfarterie (Arteria cerebri media) festgestellt worden. Diese begleitete uns die ganze Schwangerschaft und nur anhand dieser Fließgeschwindigkeit konnten wir vermuten, wann die erste Bluttransfusion nötig war. Immer wieder wurde der Antikörper-Titer im Blut bestimmt.

In der 22. SSW mußten wir dir zum ersten Mal rote Blutkörperchen transfundiern. Das bedeutete eine Punktion durch meine Bauchdecke, durch die Gebärmutter in die Nabelschnur. Die Gefahr einer Fehlgeburt war da. Wir entschlossen uns aber dieses Risiko einzugehen und dir die Chance auf Leben zugeben. Dr. Steinhard hatte deinen HB-Wert (Hämaglobin-Wert) zwischen 5 und 8 getippt, doch dieser lag nur bei 3. Du hattest keine Anzeichen, dass es dir nicht gut geht, du warst weiterhin mit deinen Bewegungen aktiv und Wassereinlagerungen waren auch nicht da. Für dich ein gutes Zeichen, für uns eine schwer einzuschätzende Situation. Die erste Bluttransfusion war für Papa und mich eine starke seelische Belastung, aber es hat alles super geklappt.
Meine Frauenärztin wollte nach der ersten Transfusion von mir wissen, bis zu welcher SSW die Transfusionen gemacht werden sollen. Ich sagte Ihr das ich die 30. SSW bestimmt und 35. SSW auf jeden Fall erreichen werde und alles was dann an Tagen od. Wochen dazukäme auch noch mitnehme.
Du brauchtest in der Schwangerschaft 5x eine Bluttransfusion (01.12.04/13.12.04/27.12.04/14.01.05/04.02.05). Die folgenden Male waren für mich allerdings nicht mehr so "schlimm", ich wusste ja jetzt wie das Ganze abläuft und bin immer von einem guten Ablauf ausgegangen. Mit fortschreitender Schwangerschaft kamen immer mehr Untersuchungsabläufe dazu, wenn eine Transfusion anstand.

1. Sonographie
2. Labor
3. CTG
4. Transfusion
5. CTG

Dauer: 1 Tag

Am 25.02.2005 (35 +0 SSW) hatten wir wieder einen Termin in Ms und deine Werte waren noch super und wir besprachen das weitere Vorgehen. Da die Ärzte nicht mehr bis zur 40. SSW warten wollten und ich spontan entbinden wollte, hatten wir 3 Vorschläge:

1. Abwarten bis Anämiezeichen, dann IVT (intravaskuläre Transfuison), dann Einleitung.

2.. Einleitung ab sofort, bei derzeit Normwerten ACM (Arteria Cerebri media) mit Option der Vermeidung einer erneuten IVT.

3. Definierte Terminierung zur IVT, auch ohne Vmax ACM-Werte.

Wir entschieden uns für eine Überwachung bis zur nächsten Transfusion und dann die Einleitung, um dir einen möglichst guten Lebensstart zugeben. Zur Vorsicht sollten wir am Montag, den 28.02.05 wieder zur Untersuchung kommen, so konnten wir erst einmal nach Hause fahren.
Zu Hause angekommen bin ich zur Toilette und bemerkte, dass mir der Schleimpropf, der die Gebärmutter verschließt, abging. In meinen Büchern stand, dieses ist das erste Anzeichen der beginnenden Geburt. Wir sind vorsichthalber noch bei der gynäkologischen Gemeinschaftspraxis vorbeigefahren, doch Arzthelferin Kerstin meinte der Doc würde uns sofort wieder nach Ms schicken, so habe ich dann in der Hebammenpraxis angerufen. Fr. Werpers sagte auch, wir sollten ruhig abwarten, da wir Montag ja eh wieder zur Untersuchung nach Ms müssten.

Am Montag den 28.02.05 verabschiedeten wir (Papa und ich) uns von Fabian, Oma Helga und Opa Helmut. Ich mit der Bemerkung "ich käme heute nicht wieder", dein Vater meinte, wir seien heute Mittag wieder zu Hause.
Vorsichtshalber nahm ich meine Kliniktasche mit. Draußen war es kalt und es hatte geschneit, so das wir erst das Auto freilegen mussten. Wir waren gerade 20 Min. auf dem Weg nach Münster (Fahrtzeit ca. 1 Std.) unterwegs, als bei mir die Wehen einsetzten, alle 5 Min. So sind wir, als wir in der Uni waren, sofort in den Kreißsaal gegangen, gut das dein Papa zufällig Urlaub hatte. Im Kreißsaal wurde ich ans CTG angeschlossen und von der Hebamme untersucht, Muttermund 3 cm geöffnet.

1 1/2 Stunden später kam aus der Ultraschalldiagnostik Bescheid, wenn ich dazu in der Lage wäre, sollte ich bitte zum Sono hoch kommen. Wir konnten auch sofort in das Untersuchungszimmer durchgehen, die Wehen kamen weiter alle 5 Min., doch kein Arzt kam. Es dauerte nicht lange, da wurde der Abstand zwischen den Wehen kürzer, in dem Moment kam die Krankenschwester ins Zimmer und wollte wissen wie es mir ginge. "Nicht so gut", antwortete ich, " die Wehen kommen jetzt alle 2 Min." Sie ging zum Arzt und sagte Bescheid, danach ging es samt Liege wieder in den Kreißsaal. Jetzt ging es richtig los, schmerzhafte Wehen weiterhin alle 2 Min., von Hüftgelenk zu Hüftgelenk, nicht mehr zu veratmen. Ich bekam einen Schmerztropf.
Wir beide haben 9 Stunden gebraucht dich zur Welt zu bringen, um 15.47 Uhr warst du geboren.

Du kamst nach der Entbindung sofort zu den Kinderärzten, die dich untersuchten und mit Sauerstoff versorgten, da du große Atemschwierigkeiten hattest. Dein HB-Wert lag bei 13. Du wurdest auf die Kinderintensivstation gebracht, da du weiterhin Sauerstoffabfälle hattest und beatmet werden musstest. Hier warst du 2 Tage, dann wurdest du auf die Säuglings- und Frühgeborenenstation verlegt. Hin und wieder hattest du auch hier Sauerstoffabfälle, konntest dich aber alleine wieder aufrappeln. Dein Hunger war groß und du nahmst gut zu.

Am 10. März konnten wir dich überraschend mit nach Hause nehmen. Ich war mittags nach Münster gefahren, als ich dort ankam warst du beim EEG und es hieß "wenn alles in Ordnung ist, kannst du mit nach Hause." Ich hatte nur keinen MaxiCosi mit. Also habe ich deinen Papa angerufen und der hat sich von Opa Helmut nach Münster bringen lassen. Gemeinsam sind wir nach Hause, wo Fabian schon sehnsüchtig auf die wartete und begeistert rief: Hurra, Hurra Joel ist da!"


Nach 3 Wochen (23./25.03.05) brauchtest du deine 1. Transfusion außerhalb des Mutterleibes, nach 14 Tagen die 2.(09./12.04.05).
Du bist bei schlechtem HB-Wert meist nur durch schlechtes Trinken aufgefallen. Deine letzte Bluttransfusion brauchtest du am 29./30.04.05 seit dem sind die Werte stabil bei 10.

Erfahrungen aus der Schwangerschaft mit Joel und aus den ersten 3 Monaten nach seiner Geburt.


Ich haben diesen Brief im Dez. 05 für Joel geschrieben, damit er später einmal weiß, wie es damals war.

Unsere zwei Söhne sind beide Kell-positiv und werden bei einer Familiengründung mit dieser Problematik, aber auch Wissen konfrontiert.
Dieser Brief soll ihnen, bei Ihren Entscheidungen später helfen.


Joel ist heute 4 Jahre, gesund und munter, frech und in seiner Entwicklung völlig normal.


eingeschrieben im Mai 2009



Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die Blut spenden gehen um Anderen das Leben zuretten.
Daher meine Bitte:  Geht  auch Blut spenden.